Der Hobbit – Sinnlos in Mittelerde

Gepostet von am Dezember 17, 2012 in Allgemein, Featured Articles | Keine Kommentare

Der Hobbit – Sinnlos in Mittelerde

Gestern war ich doch tatsächlich mal wieder im Kino – natürlich bei keinem geringeren Film als Der Hobbit: Eine unerwartete Reise.  Ich kann mittlerweile Leute echt gut verstehen, die einen Kinobesuch meiden, um den Geldbeutel zu schonen. Denn 13,50€ für die Kinokarte (inkl. 3D und HFR) + 8€ für 2 Bier (man muss ja schließlich 170 Minuten lang überleben) und 4€ für eine mittlere Tüte Popcorn sind schon happig.

Aber was soll der Geiz? Die Herr der Ringe Trilogie hat mir gefallen. Warum sollte es dann nicht auch der Hobbit tun? Ich muss zugeben, ich hab keines der Bücher gelesen. Deshalb will ich mir nicht anmaßen zu beurteilen, in wieweit Peter Jackson in Der Hobbit seiner Kreativität freien Lauf gelassen hat. Erstaunlich ist aber auf jeden Fall, dass man ein Kinderbuch von knapp 400 Seiten Umfang auf 9 Stunden Film aufbauschen kann. Also sozusagen das Gegenteil von Der Herr Der Ringe, der ja im Vergleich zum Buch gnadenlos gekürzt werden musste.

Als Technikfan bin ich natürlich auch aus diesem Aspekt ins Kino gerannt. Ich wollte unbedingt die neue HFR Technik in Aktion sehen. Die Verdopplung der Framerate ist auf jeden Fall kein Marketing Gag. Sie mach sich wirklich bemerkbar! Und das gleich in zweierlei Hinsicht: Zum einen zaubert die neue Technik großartige Landschaftsaufnahmen mit grandiosen Kamerafahrten in bisher ungesehener Detailfülle auf die Kinoleinwand. Auf der anderen Seite wirkt sie aber in Nahaufnahmen und bei hektischen Szenen sehr künstlich und aufgesetzt. Von beiden Szenarien gibt es in Der Hobbit: Eine unerwartete Reise genügend, sodass sich Pro und Contra die Waage halten. Der hyperrealistische Stil erinnert stark an Computerspiele, sodass man häufig den Eindruck hat, in einem Animationsfilm zu sitzen. Der 3D Effekt ist nett, erzeugt aber kaum „Wow-Momente“.

Für Fans viel wichtiger sollte aber die Geschichte sein. Die ist nett in Szene gesetzt und über weite Strecken spannend. Peter Jackson entschleunigt das Geschehen drastisch. Er hat ja auch alle Zeit der Welt, die verhältnismäßig triviale Handlung in 9 Stunden zu erzählen. Der Einstieg gestaltet sich eher schleppend. Bilbo muss sich mit 13 fetten und Großteiles hässlichen Zwergen herumärgern, die sein Haus verwüsten und seine Speisekammer plündern. Es dauert eine knappe dreiviertel Stunde, bis das eigentliche Abenteuer beginnt.

Von nun an bleibt kaum Zeit zum Verschnaufen. Die Abenteurer stolpern von einer brenzligen Situation in die nächste. Dabei hab ich mir häufig gedacht „Was zur Hölle? Seid ihr eigentlich alle bekloppt?“, denn Der Hobbit: Eine unerwartete Reise platzt fast vor Logikfehlern. Beispiele gefällig?

  • Eben noch von einer Ork-Horde durch die Hochebene gehetzt, befindet sich die Gruppe nach einem Schnitt nicht einmal mehr in Sichtweite, geschweige denn in  der gleichen Landschaft. Hääää?
  • Nur die Elben können natürlich die uralte Karte lesen. Ein geschulter Blick verrät: Auf der Karte sind Mondrunen versteckt, die nur im Mondlicht des gleichen Tages im Jahr sichtbar werden, an dem sie auch geschrieben wurden. Dieser Tag ist natürlich zufällig genau der, an dem auch die Handlung spielt. Ja ne, is klar…
  • Nach dem Kampf der Stein Titanen (was sollte bitte dieser Käse?) legte man sich völlig erschöpft in einer Höhle schlafen (es war bereits Nacht). Man wird von Orks gefangen genommen und muss in einer spektakulär inszenierten Schlacht flüchten. Nachdem man aus der Ork Festung flüchten konnte, war es bereits wieder Tag. Im nächsten Moment greifen schon wieder andere Orks an und nageln die Gruppe auf Baumwipfeln fest. Zu dieser Zeit wurde es schon wieder Nacht. Kurz darauf wurde die Abenteurergruppe von überdimensionalen Adlern gerettet. Und schwups, war auch schon wieder der Morgen angebrochen. Das waren zwei ganze Tage, die da im Handumdrehen an einem vorbei gerauscht sind.
  • Thorin Eichenschild wird im Kampf schwer verletzt und ist komplett regungslos. Im nächsten Moment springt er auf als wäre nichts passiert und schwingt eine, vor Pathos triefende, Rede.

Ich könnte noch einige dieser Stellen aufzählen. Tu ich aber nicht! Man sollte sich aber im Klaren sein, dass diese Fehler keine Kleinigkeiten sind und wirklich auffallen, ja sogar den Kinogenuss trüben. Ich bin kein Mensch, der sich einen Film nur anschaut, um ihn danach gnadenlos schlecht zu reden. Aber warum zum Teufel kann Gandalf ab und zu den Ultra-Über-Zauberer raushängen lassen, Felsen spalten und Blitzwellen verschießen, wenn er in der nächsten Szene nicht einmal einen kleinen Ork überwältigen kann? Wieso fliegen die Adler die Helden nicht direkt an ihr Ziel? Dann könnten wir uns 6 weitere Stunden im Kino sparen.

Ein weiteres Manko ist außerdem die mangelhafte deutsche Synchronisation. Besonders die Lieder kommen dermaßen plump daher, dass man sich schon fast ein Lachen verkneifen muss. Wenn ihr des Englischen mächtig seid und euch ein gewisses Herr der Ringe Vokabular angeeignet habt, dann solltet ihr mit dem Gedanken spielen, die O-Ton Version zu schauen.

Aber nun genug gemeckert. Der Hobbit: Eine unerwartete Reise macht nämlich auch Vieles richtig. Die Geschichte wird auch für nicht Insider wie mich verständlich und mitreißend erzählt. Die gezeigten Bilder sind fantastisch und die Kampfszenen wirklich mitreißend, auch wenn sie manchmal schon fast am Ziel vorbei schießen. Wirklich lobenswert ist die Szene, in der Bilbo auf Gollum trifft. Da knistert es richtig in der Luft und Gollum wird grandios in Szene gesetzt. Der Slapstick Humor der tollpatschigen Zwerge kam bei den Kinobesuchern auch gut an. Ich musste tatsächlich auch das ein oder andere Mal schmunzeln. Aber irgendwie fand ich diese Art von Humor fehl am Platz für das durchaus ernste Setting.

Fazit: Der Hobbit: Eine unerwartete Reise ist ein Fantasy Abenteuer der Spitzenklasse. Die Technik setzt Maßstäbe und zaubert beeindruckende Kulissen auf die Leinwand. Die Handlung ist relativ dünn und auf pures Entertainment getrimmt. Da kommen logische Zusammenhänge zu Gunsten der Dramatik des Öfteren etwas zu kurz. Fans von Mittelerde können getrost ins Kino gehen. Alle anderen müssen sich entscheiden, ob sie 170 Minuten kostbare Zeit wirklich investieren wollen. Tatort gucken wäre wahrscheinlich auch nicht wesentlich schlechter gewesen. Und noch dazu günstiger…

Tobias: Von seinen Freunden liebevoll Hans genannt, lebt er im beschaulichen Nürnberg. Während er im wahren Leben auf seriös macht und irgendwann mal stinkreicher Ingenieur werden will, tobt er sich in seiner Freizeit gerne aus. Auch sein Musikgeschmack ist vielseitig. House und Techno sind seine Passion. Aber auch Gitarrenmusik von der Insel hat es ihm angetan. Dazwischen liegt irgendwo sein Hang für Synthi-Pop mit ganz viel Pathos. Ihr wollt ihm sagen, wie toll oder scheiße er ist? Dann schreibt einfach an tobias(at)soundbox-blog.de 

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