Willkommen in der breiten Masse!

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Elektronische Musik ist ständig im Wandel. Ebenso der persönliche Geschmack. Doch dieses Jahr hat sich da eine Veränderung eingeschlichen, von der ich noch nicht abschätzen kann, ob sie gut oder schlecht war. Ich halte nun das ausgewertete Leserpoll 2013 des Groove Magazin in den Händen und bin fast schon entsetzt…

dabei begann das Jahr doch eigentlich ganz normal. Mein Verhältnis zur Clubmusik war etwas angespannt. Zu wenig hatte sich 2012 getan. Vieles verlief in Mittelmäßig- und Belanglosigkeit. Auch die Arbeit an diesem Blog trug zum schwindenden Interesse an Clubmusik bei, denn klassische Popmusik und Gitarren hatten einfach viel mehr zu bieten. Das Groove Leserpoll hab ich natürlich auch 2012 ausgefüllt. Die Schnittmenge zur Mehrzahl der Abstimmenden war aber vergleichsweise gering. Das lag vor allem daran, weil wir (diverse musikbegeisterte, DJ Freunde und natürlich ich) zwanghaft versuchten „deep“ zu sein. Dub Einflüsse, reduziertes Tempo mit warmen, analogen Synthesizern und klassischen House Samples dominierten das Klangbild. Im Club fühlten wir uns wohl, doch so richtig Partyfeeling kam selten auf.

An dieser Attitüde hat sich in der ersten Jahreshälfte wenig geändert. Natürlich mag man mal eine Ausprägung von Techno mehr, dafür irgend eine abseitige Spielart von House weniger, nur um dann wenige Wochen später festzustellen, dass 4/4 Takt auf Dauer doch nicht die Erfüllung ist. Doch abgesehen von diesen Launen hat doch jeder eine gewisse Konstanz. Jedenfalls sollte man diese in meinen Augen haben um nicht als heuchlerischer Mitläufer abgestempelt zu werden. Wie dem auch sei – schon immer schwingt ein gewisses Quäntchen an Popmusik im perfekten Gemisch für den Club mit.

Doch dieses Quäntchen Pop hat sich in der ersten Jahreshälfte fast schon parasitär vermehrt (ich weiß, ich weiß… das ging eigentlich schon vieeeel früher los. Aber der Einfachheit halber, lassen wir das einfach mal so stehen), bis es an einem gewissen Punkt nicht mehr zu stoppen war. Dieser Moment war der 27.06.2013 um ca. 23 Uhr. Wir befinden uns auf der Turmbühne beim Fusion Festival. Âme von Innervisions hat gerade mit seinem Set begonnen. Die Stimmung war ausgelassen, Konfetti rieselte von oben auf uns herab und Blitze nahmen uns jeglichen Orientierungssinn. In dieser völligen Reizüberflutung  schälte sich auf einmal ein Track aus der meterhohen Function One Anlage, der meine musikalische Entwicklung des restlichen Jahres prägen sollte. Es handelt sich um „Madeleine“ von Konstantin Sibold. Von jetzt auf gleich war alles anders. Deep House war plötzlich in meinen Ohren langweilig. Pop & Kitsch waren der neue Shit! Wie konnte man denn bisher ohne dieses besondere Feeling im Club auskommen? Diese alles umschließende Wärme der Synthesizer, das viel knackigere Tempo und (je nach Track) die songartigen Strukturen samt Vocals.

Zugpferde dieser Bewegung: Innervisions, Permanent Vacation und Life and Death. In den Jahren zuvor hatte ich Âme oder Dixon bereits das ein oder andere Mal erleben dürfen. Doch nie hat deren Auffassung von Clubmusik bei mir so gezündet wie in diesem Sommer. Wir erinnern uns an Osunlades „Envision“ oder „Equinox“ von Code 718, die ebenfalls einst auf Innervisions erschienen. Beide Platten stehen in meinem Regal, umringt von diversen anderen, die in die gleiche Kerbe schlagen. Doch niemals zuvor herrschte so ein Bedürfnis noch dieser Art von Clubmusik. Club – das heißt meist Techno oder House. Doch selten zuvor konnte sich die breite Masse so auf den Pop Ansatz einigen wie in diesem Jahr. Mano Le Tough hat vergangenes Jahr geholfen den Grundstein für den nahenden Hype zu legen. In 2013 wurde dann diese Idee von Künstlern wie Tale Of Us oder Ten Walls weitergeführt. Der Clou an dieser neuen Bewegung: Alle scheinen irgendwie unter einer Decke zu stecken. Jeder kennt Jeden. Jeder remixt Jeden. Und Jeder supportet Jeden. Scheinbar hat dieses Gefühl unter den Artists auch auf das Publikum abgefärbt. Anders lassen sich die vielen ausrastenden Leute nicht erklären, die diesen Sommer auf den „Primitive People“ Remix von Tale Of Us oder Ten Walls’ „Gotham“ getanzt haben. Selten gab es in einem Jahr so viele Hymnen, auf die sich eine große Anzahl von unterschiedlichen Clubgängern/Festivalbesuchern einigen konnten. Der Popansatz verbindet. Das liegt in seiner Natur. Oder wie sonst kann man erklären, dass Gäste auf den DJ zukommen und fragen, ob er dieses „schöne Lied mit dem Gesang von vorhin“ noch einmal auflegen kann. Gemeint ist in diesem Fall „Space Me Out“ von Downtown Party Network.

Ich bin mir nun unsicher, ob diese Entwicklung wirklich gut ist. Wenn ich im Groove Leserpoll blättere, stelle ich fest, dass in allen Kategorien genau die Kandidaten die Spitzenplätze abgesahnt haben, für die ich gestimmt habe. Nie zuvor war das der Fall gewesen. Bin ich jetzt Mainstream? Bin ich weniger cool und kredibil? Oder bin ich seit langem einfach mal wieder Teil von etwas größerem gewesen? Außerdem hab ich mich auch lange nicht mehr so auf eine gewisse Spielart eines Genres fixiert wie in diesem Jahr. Zuletzt war das vielleicht ca. 2008 der Fall, als grässlicher Techhouse mit Trompeten und Saxophonen das Klangbild prägte. Und noch eine erschreckende Entwicklung: Ich bin einem gewissen DJ- bzw. Labelkult unterlegen. Die Sache ging so weit, dass wir sogar extra zur Innervisions Nacht ins Robert Johnson gefahren sind. Aber warum soll man nicht auch im Club Kontext einfach mal „Fan“ sein dürfen?

Was mir ebenfalls aufgefallen ist: Es gibt im Groben noch zwei weitere Lager: Die Diynamic Posse mit ihrem ganz ähnlichen Pop Ansatz und die guten alten Berghain Techno Fans. Letztere finde ich sehr sympathisch. Mit Techno hatte ich noch nie ein Problem, auch wenn ich aus dem House komme. Einzige Bedingung – es darf kein stumpfer „Hau Drauf Sound“ sein, sondern Tracks mit Köpfchen und Groove. Charaktere wie Marcel Dettmann, Ben Klock und Co haben längst bewiesen, wie der Hase läuft.
Doch jetzt muss ich am Ende auch noch ein bisschen haten. Und zwar gegen bereits erwähnten Diynamic Hype. Abgesehen von den Techno Fans und den Innervisions Pop&Kitsch Geschädigten bildet diese Gruppe einen etwas unschönen Gegenpol. Eigentlich sind die DJs und Produzenten in dieser Ecke ebenfalls stark Pop orientiert. Doch die Tracks sind viel mehr auf Party und Eskalation getrimmt. Unangenehme Nebenwirkung: Man ködert sich vermehrt junges Publikum und jede Menge Techhouse Proleten, die mit bunten Sonnenbrillen, Strohhüten und Feinripp Unterhemd bewaffnet auch die schönste Atmosphäre zerstören können. Vielen Partygängern fehlt da einfach der besondere Bezug zur elektronischen Musik. Für mich hat die ganze Sache immer etwas von „Kirmestechno“. Zu Gute halten kann man dieser Entwicklung jedoch, dass viele Teenager über DJs wie Solomun oder David August erst den Bezug zur elektronischen Feierkultur finden.

Letztendlich bleibt eigentlich nur ein Schluss: Der Pop Sound kam zur richtigen Zeit, hatte die passenden Hymnen im Gepäck und wird sich mittelfristig wieder in seine Nische verabschieden, aus der er gekommen ist. Letztes Jahr war UK House, dieses Jahr war Kitsch und nächstes Jahr wird… wer weiß das schon. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass ich dieses Jahr so richtig einem Trend erlegen bin.

[box type=“bio“] In diesem Sinne: Tschüs Underground. Hallo Mainstream!
Ich geh dann mal im frisch gebackenen Groove Top 10 Club Nürnbergs feiern.[/box]

P.s.: Eins steht fest – mich seht ihr auch 2014 nicht im Feinripp Unterhemd!

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