So viele Menschen an einer Haltestelle: Woodstock!

So viele Menschen an einer Haltestelle: Woodstock!

Das erste August Wochenende 2011 und es ist Zeit für das Festival Haltestelle Woodstock (polnisch: Przystanek Woodstock). Das Ganze findet im polnischen Kostrzyn, in unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze statt. Mehr oder weniger spontan wird der Entschluss gefasst dort hinzugehen, und da das für viele nicht unbedingt zu den bekanntesten Festivals bisher gehört, werde ich ein bisschen darüber berichten.

Für Leute, die bisher noch gar nichts von diesem Festival gehört haben, ist vielleicht interessant zu erwähnen, dass dieses Festival kostenlos ist. Ursprungsgedanke war es ein Festival als Dank an die Spender der wohltätigen Organisation WOSP zu schaffen. Das sollte entsprechend umsonst sein und über Sponsoren finanziert werden. Inzwischen ist daraus das größte kostenlose Festival Europas geworden.

Aussicht vom Berg in Richtung Hauptbühne

Offizieller Festivalbeginn war Donnerstag der 4. August, allerdings kann man schon Wochen davor auf das Gelände, da es keine Absperrungen gibt und öffentlich zugänglich ist. Wir sind trotzdem erst Donnerstag vormittag gestartet. Von Berlin-Lichtenberg sind es ca. 1,5 Stunden bis Kostrzyn und so sind wir auch schon relativ schnell in Polen. Am Bahnhof ist schon einiges los, es gibt schon hier eine Reihe Dixies sowie Bier- und Essenstände. Nach etwas umherirren finden wir eine Wechselstube und entscheiden uns doch in polnische Zloty zu wechseln. Kurs 1 Euro = 4 Zloty. Ist auch eine gute Entscheidung, hab auf dem Festival nirgends gesehen, dass mit Euro gezahlt wurde. Und wenn, dann wurde bestimmt recht ungünstig aufgerundet. Danach dann wieder zur Bushaltestelle. Das Gelände ist ca. 4-5 km vom Bahnhof weg. Kann man laufen, muss man aber nicht. Es ist zwar ziemlich anstrengend überhaupt in einen Bus zu kommen, da hier so viele Leute rein wollen, aber es kommen alle paar Minuten welche, somit schafft man es schon irgendwann. Kostenfaktor: 3 Zloty. Also wirklich ziemlich in Ordnung!

Nach der Bustour erstmal ziemlich planlos einfach den Menschen hinterher. Wo soll man denn jetzt campen? Es hieß, es gibt keine festen Campingplätze und man kann überall hin, wo man will. Nur die Notfallwege soll man freihalten. Theoretisch kann man also auch vor den Bühnen zelten. Relativ nah an den Bühnen gab es auch tatsächlich eine kleine Insel von vielleicht 10 Zelten… verrückte Leute ;) Wir marschieren also übers Gelände und finden so schnell keinen Platz, da wirklich alles schon voll ist. Und es ist gerade ca. 14 Uhr. Nach einem kleinen Zwischenstop hinter dem Hare Krishna Zelt (war eine kleine Fehlentscheidung: Rettungsweg) haben wir dann auf dem Berg ziemlich weit hinten einen Platz im Wald gefunden. Wie viel da schon los war verdeutlicht vielleicht die Tatsache, dass unser Platz gar nicht mehr auf den offiziellen Festivalplänen drauf war. Bedeutete zwar etwas mehr Gehweg, aber das war bei dem Festival eigentlich eh schon egal. Dafür war es recht idyllisch und nicht so staubig wie auf dem Rest des Geländes. Noch erwähnen möchte ich die Peace Patrol. Um Hilfe zu bekommen und ein bisschen Ordnung zu halten gab es die sogenannte Peace Patrol, die man an roten oder blauen T-Shirts erkannt hat. Die waren manchmal ganz hilfreich, wenn man irgendwo hin wollte oder irgendeine Frage hatte. Die hatten uns auch ein paar Tipps für die Campingplatzsuche gegeben, nachdem wir umziehen mussten.

Campingplatz Idylle auf dem Berg

Nachdem das Zelt aufgeworfen wurde, erstmal ein bisschen chillen. Die Nachbarn waren auch nett, wir hatten fast nur polnische Nachbarn. Insgesamt besteht das Publikum zum Großteil aus Polen, mit vereinzelt Deutschen zwischendrin. Hab nicht besonders viele andere Nationalitäten getroffen. Anschließend ein kleiner Rundgang über das Gelände. Auf dem Berg, auf dem wir gezeltet haben, war auch das Dorf der wunderschönen Künste, in dem Workshops, Lesungen, etc. abgehalten wurden sowie die Folk-Bühne. Die Workshops und Lesungen waren leider größtenteils auf polnisch, somit konnte ich mit einigen Sachen nicht viel anfangen. Sehr cool allerdings waren die Gitarrenworkshops, dort haben dann 20-30 Gitarren gleichzeitig etwas gespielt, oder die Trommelworkshops, wenn genauso viele Leute auf unterschiedlichen Trommeln rumklopfen. Überhaupt hat man auf dem ganzen Festival immer wieder an allen Ecken irgendwelche Percussion- oder kleine Musikgruppen gesehen, die verschiedenste Sachen gespielt haben. Nun nochmal zum Berg, von da oben hat man eine super Aussicht auf das Gelände und die Hauptbühne, wie auf dem ersten Bild oben zu sehen ist. Das ist allerdings auch nur ein Teil von allem, das gesamte Gelände hat sich in alle Richtungen noch um einiges weiter erstreckt.

Der weitere Rundgang führte kurz ins Krishna Zelt, in dem grade The Doors von einer Band gecovert wurden. Dann ein bisschen die Händler-Meile entlang, in der massenhaft T-Shirt, Kleidung und Schmuckläden und viele Organisationen wie Greenpeace ihre Stände hatten. Ein Haltestelle Woodstock T-Shirt hat hier wahnsinnige 36 Zloty (=9 Euro) gekostet. Da können sich deutsche Festivals mal eine Scheibe abschneiden… ;)

Von der Händler-Meile geht man auf die Hauptbühne zu. Rechts davon gibt es die Essenstände und ziemlich weit links davon ist der Biergarten. Das Motto des Festivals ist ja „Liebe, Freundschaft und Musik“ und natürlich gegen Drogen. Offiziell gab es einige Bereiche in denen Alkoholverbot war. Wenn ich den Plan richtig gedeutet habe, dann auch vor der Hauptbühne. Allerdings hält sich da kaum wer dran, ich hab wenige Leute bei den Konzerten gesehen, die kein Bier dabei hatten. Ist auch äußerst schwer, das durchzusetzen, wenn man bedenkt, dass Carlsberg Hauptsponsor ist. Und bei den Bierpreisen kann man auch kaum widerstehen: Fassbier 0,4 für 3,30 Zloty, Dose 0,5 für 3,70 Zloty (alles < 1 Euro). Konnte man auch gleich Palettenweise mitnehmen. Um an Bier zu kommen musste man sich vorher entsprechende Marken kaufen, die man dann an den sehr zahlreichen Bierständen im Biergarten einlösen konnte. Auch sehr schön, Carlsberg lässt sich nicht lumpen und hat Limited Edition Bierdosen extra für das Woodstock 2011 bedruckt!

So, Bands gabs ja auch noch. Die erste Band am Donnerstag waren für mich die Donots. Haben ganz solide gespielt, hat mir gefallen. Danach bin ich bin ich mit ein paar Leuten aus Dresden zum Krishna Zelt um mal was zu essen. Dort gab es veganes Essen, dass zusätzlich noch etwas seltsam ist. Für die 6 Zloty gab es Curryreis und so etwas wie Eintopf. Dazu noch ein komisches Gelee oder Mus das nach Rosinen geschmeckt hat und ein bisschen „Brot“. Hat nicht ganz schlecht geschmeckt, aber auch nicht besonders toll, aber interessant war es durchaus mal.

Auf dem Rückweg zur Bühne bin ich dann zu einer Gruppe von Polen gestoßen, die waren sehr lustig drauf und wir wollten am nächsten Tag einen deutsch-polnischen Trinkabend machen. Die kannten keinen Jägermeister und wollten mir im Gegenzug irgendein Wodka-Zitronen Mischding zeigen. Hab ihr Zelt dann aber leider nicht mehr gefunden ;)

Insgesamt hab ich allein am Donnerstag so viele Leute kennengelernt wie auf keinem kompletten anderen Festival bisher. Allerdings können oder wollen nur gefühlt 2/3 der Polen sich auf englisch verständigen, der Rest geht einfach weiter, wenn er merkt, dass man ihn nicht versteht :D Aber ich hab auch Leute getroffen die kein Wort in einer anderen Sprache können und trotzdem super cool waren! Die Leute die sich aber dann mit einem unterhalten sind alle super gut drauf, nett und offen gewesen! Hat wirklich Spaß gemacht mit allen Polen die ich kennengelernt habe!

Irgendwann war ich dann wieder bei den Bühnen und hab noch ein bisschen Zebrahead gesehen. Danach kamen die H-Blockx und haben ziemlich gerockt. Hat scheinbar auch den Polen ziemlich gefallen, immer wieder hat jemand gefragt wie die Band heißt, die gerade spielt. Skindred im Anschluss kannte ich vorher nicht, wußte nur, dass es ein Rock-Reggae Mix wird. Und hat mich sehr positiv überrascht!

Der nächste Tag bricht an und man wird mit Sonne geweckt. Im Zelt steht die Hitze schon wieder ab spätestens 9 Uhr, heißt es wird ein warmer Tag. Genug Zeit also die nötigsten Sachen zu erledigen. Auf diesem Festival muss man für alles Zeit mitbringen, denn man muss für alles anstehen! Selbst für ein Dixie ist anstehen angesagt. Und das kann schonmal gut eine halbe Stunde dauern, wenn man in der Hochzeit gegen Mittag da drauf muss. Dixie ist neben Wald auch die einzige Möglichkeit sein Geschäft zu verrichten. Wassertoiletten hab ich keine gesehen, die man verwenden kann, auch keine Duschen. Schätzungsweise gab es zwar welche. Aber dort stand eine so lange Schlange an, da kommt man vor der letzten Band sicher nicht mehr aus der Dusche raus. Dafür gab es allerdings ein riesiges Areal badewannenförmiger Waschbecken. Wartezeit circa 5 Minuten, damit konnte ich leben, also hier ein bisschen frisch gemacht.

Danach war shoppen angesagt. Auf dem Woodstock gab es einen riesig großen Lidl. Der hatte alles was man brauchte, und das zu den normalen polnischen Lidl-Preisen. Wasser, Säfte, Limo, von frischem Obst bis Eis konnte man sich hier mit allem versorgen. Nur Bier und Alkohol gabs nicht, aber dafür war ja der Biergarten ganz praktisch. Aber natürlich ist beim Lidl auch anstehen angesagt ;)

Erste Band für den Freitag war Jahcoustix, hat mir gut gefallen. Danach kam Halloween. Das war mal ne ordentliche Metalshow! Und die Jungs hatten auch sichtlich Spaß an dem Gig. Ich glaube das hatte auch jede Band, das Publikum ist einfach immer super drauf gewesen. Am Ende noch Dog Eat Dog als Tagesabschluss. Auch ziemlich cool gewesen. Der Sänger kam dann nach dem Konzert noch rechts von der Bühne runter und ich durfte ihm anerkennend die Hand schütteln. No guns, just blunts, we kick this just for fun!

Und dann ist es auch schon wieder Samstag. Es ist immer noch verdammt heiß, die Sonne knallt gut runter. Ich verbringe den Tag hauptsächlich auf dem Berg, liege in der Sonne und schau dem Treiben von oben aus zu. Zum Start der Folk-Bühne habe ich mich mit meinem Campingstuhl dort platziert und einer guten polnischen Reggae-Pop-Band zugehört. Man kann ja alles mit vor die Bühnen nehmen, da es keine speziellen Absperrungen gibt. Ansonsten war ich eigentlich den ganzen Tag irgendwo auf dem Berg unterwegs und hab mir die verschiedensten Sachen im Dorf der Künste angeschaut. Auf einer Wiese gab es einen Strong Man Kontest, mit Armdrücken, Gewicht heben, Gewichte tragen und so Zeug. War auch ganz lustig zuzuschauen, wie sich Leute von Muskelpaket bis Haut-und-Knochen daran versuchen.

Zur Hauptbühne bin ich dann bei Airbourne gegangen. Das waren ja mal Poser. Der Sänger ist das eine Bühnengerüst rauf und hat dann von oben Gitarre gespielt. So weit ja ganz nett. Immer wieder mal hat er sich auf der Bühne ne Dose Bier geholt und so lange auf seinen Kopf geschlagen bis sie aufplatzt. Jetzt wird’s schon etwas blöder. Dann hat er aber auch noch so getan, als ob er eine Rotweinflasche auf Ex wegzieht, allerdings hat das Wasser beim rumkleckern nirgends Rotweinflecken hinterlassen ;)

Feuerwehr bewässert die Menge vor der Hauptbühne

Ziemlich überrascht war ich dann allerdings als während dem Konzert auf einmal ein Feuerwehrtruck mitten durchs Publikum vor der Bühne gefahren ist und die Leute nassgespritzt hat. So was bekommt man in Deutschland nicht! Ich denke aber der Grund wird weniger die Hitze und Abkühlung der Menschen gewesen sein, als den Boden etwas zu befeuchten. Denn bei jeder Wall of Death oder Circle Pit hat man den staubigen Boden zu spüren bekommen.

Auf Gentleman im Anschluss hab ich mich gefreut und wurde auch nicht enttäuscht. Die gnzen Reggae Konzerte passten irgendwie gut in das gesamte Feeling von dem Festival. Gemütlich, locker und tanzbar. Und ein guter Kontrast zu doch recht vielen Metal Bands. Bei Gentleman hab ich mich dann auch schon recht weit zurückgezogen, da das ganze Gelände schon richtig voll war. Bei Airbourne war es eigentlich ziemlich voll. Bei Gentleman dann sogar schon so wie bei den Headliner die Tage zuvor. Man merkt, dass die Polen sich vor allem auf Prodigy dieses Wochenende gefreut haben.

Während der Umbaupause zu Prodigy habe ich meine restlichen Biermarken eingelöst und mich mit Dosenbier für den Rest des Abends eingedeckt. Der Weg dahin war aber schon äußerst anstrengend. Da geht man an sich ja schon ein bisschen, aber es war einfach mittlerweile alles voll mit Leuten. Prodigy wollte ich mir lieber gemütlich ansehen und dachte ich gehe wieder auf den Berg, da ist nicht so viel los, wenn alle hier sind. Naja… falsch gedacht. Auf dem Weg zum Berg überall nur Menschen. Oben auf dem Berg überall Menschen. Das war schon echt ein komisches Gefühl, so viele Menschen auf einem Haufen hab ich noch nie erlebt! Veranstalter-Angaben sprechen mittlerweile von geschätzten 700 000 Leuten am gesamten Wochenende, wenn man jetzt den realistisch-Faktor abzieht ist das allerdings immer noch eine enorme Menge! Aber Prodigy waren gut, haben sogar den Out of Space Mix gespielt, hat mich gefreut.

Vor dem Ende bin ich nochmal runter zu den Essenständen um das Festivalende nochmal mit ein paar kulinarischen Genüssen ausklingen zu lassen. Die Esssituation hier ist auch deutlich anders als auf uns bekannten Festivals. Es gibt nicht wirklich das typische Fastfood wie in Deutschland. Pommes gab es zum Beispiel nirgends. Es waren polnische Gerichte wie Bigos (lecker) und Pierogi (nicht probiert) dabei, es gab Bratwurst oder Schnitzel mit Dillkartoffeln und Kraut (auch lecker). Die Hamburger die es dort gab, hatte nicht so viel mit unseren zu tun… waren auch nicht besonders empfehlenswert. Champignon-Baguettes gab es auch noch, war in Ordnung. Diese Mega-Döner-Baguettestangen hab ich leider auch nicht probiert. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig das Essen, aber man findet schon was, was einem schmeckt. Und preislich auch wieder alles mehr als in Ordnung. Das Schnitzel mit Kartoffeln und Kraut hat glaub ich 12 Zloty (=3 Euro) gekostet, wenn man 3 Sloty (=0,75 Euro) mehr zahlt bekommt man bei allem 1L(!) Cola/Fanta/Sprite dazu.

Auf dem Weg zum Zelt nochmal ein bisschen die Aussicht vom Berg genossen und der polnischen Band Laki Lan zugehört. War aber doch sehr gewöhnungsbedürftig, deren Musik. Und so geht das Woodstock seinem Ende zu.

Am nächsten Morgen war die geplante Abreise auf 8 Uhr angesetzt, da wir uns dachte so vor dem großen Ansturm recht gut wegzukommen. Allerdings haben wir wieder einmal die Masse unterschätzt. Es sind einfach so viele Leute, da hilfts auch nicht wenn man schon um 8 weg will. Somit war es wieder ein harter Kampf in einen der Shuttlebusse zu kommen. Hat dann auch nach mehreren Bussen endlich geklappt und schon kommt die nächste Herausforderung. Der Bahnhofseingang war auch extrem voll mit Leuten. Vor dem Gebäude stand eine riesige Menschentraube, da war kein durchkommen. Irgendwann sind wir dann aussen ums Gebäude und über die Gleise zu unserem Gleis gegangen. Das war dann wohl auch die Standard Methode, wir waren nicht die einzigen, in Polen ist man da wohl nicht so. Der Zug nach Berlin war dann zwar wie zu erwarten voll, aber nicht so extrem, man ist locker reingekommen.

Insgesamt war das ein sehr schönes Festival. Und mein klares Fazit ist: nächstes Jahr wieder! Ich hab mich auf dem ganzen Festival immer wohlgefühlt. Wohlgemerkt auch bei der Menschenmasse am Samstag! Diese extreme Anzahl von Menschen ist zwar erstmal etwas seltsam, aber ich würde es eher als beeindruckend beschreiben. Insgesamt hab ich auf dem ganzen Festival keine aggressiven Leute getroffen oder gesehen, alle waren äußerst freundlich.

Sonnenuntergang

„Peace, Friendship and Music“!

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