Melt! Festival 2011 Review
Text und Bilder von Tobias Gruner
Das Melt! liegt nun schon wieder einige Stunden hinter uns. Es wird also Zeit, die Eindrücke zu sammeln und auf Papier zu bringen, ehe diese langsam wieder verblassen.
Meine Reise begann erst Freitag früh, nachdem ich vom „Rockstarleben“ gebeutelt fast ohne Schlaf in den ICE nach Bitterfeld stieg. Eine knapp vierstündige Fahrt lag nun vor mir. Zur gleichen Zeit begab es sich, dass auf dem Zeltplatz in Ferropolis die ersten von der Audiolith Preparty gebeutelten ihre Zelte verließen. Mir wurde der Luxus zu teil, dass mein Camp bereits stehen sollte, wenn ich ankomme. Der Rest von unserer Gruppe war nämlich bereits Donnerstagmittag angereist. Nachdem mich der Melt! Shuttle Bus die letzten Meter vom Bahnhof in Gräfenhainichen nach Ferropolis gebracht hatte, stand dem besten Festival des Jahres endgültig nichts mehr im Wege. Ich klemmte mir also meine sieben Sachen unter die Arme und machte mich auf zum Pressecounter um mir mein Bändchen sowie den Fotopass für die kommenden drei Tage zu holen.
Viel Zeit um es sich auf dem Zeltplatz bequem zu machen, blieb dann auch nicht mehr. Es war bereits 16 Uhr. Der große Hunger musste fix gestillt werden und dann lag auch schon ein Abend vor mir, der vor guten Acts fast platzte. Pünktlich um 17 Uhr hatten wir uns vor der Mainstage versammelt, um We Have Band zu sehen. Die machten einen durchweg überzeugenden Eindruck und brachten die ersten Füße in Tanzeslust.
Direkt im Anschluss machten wir uns auf den Weg ins Intro Zelt, welches gleichzeitig unsere Heimat für den Großteil des Abends werden sollte. Is Tropical standen auf dem Plan und sollten auch eines der Highlights dieses Tages, ja sogar Wochenendes werden. Wir freuten uns bereits riesig, denn das Debüt Album der drei Jungs hatte uns im Vorfeld bereits kräftig geflasht. Als dann mit South Pacific gleich ein richtiger Kracher als Opener kam, gab es fast kein Halten mehr. Leider wurde die erste Hälfte des Auftritts von einem etwas schlechtem, weil viel zu lautem Sound überschattet. Aber das war in diesem Moment egal, denn mit Hits wie The Greeks, Orange und Lies konnten Is Tropical voll und ganz überzeugen.
Im Anschluss daran machten wir uns auf ruhigere Klänge gefasst. Little Dragon sollten der nächste Act sein, der uns in Verzückung versetzt. Ich bezeichne mich jetzt mal als großen Fan dieser Band und kann mit Recht behaupten, dass mit diesem Liveerlebnis ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen ist. Die anfangs erwartete ruhige Gangart sollte aber schnell Geschichte sein, denn die zweite Hälfte des Auftritts glich eher einem Techno Set vom Feinsten. Yukimi, die Sängerin, trat in den Hintergrund und sorgte mit extatischem Tanz und Perkussionseinlagen für Begeisterung. Gleichzeitig legten ihre drei männlichen Bandkollegen eine Spielfreude an den Tag, die das Publikum voll mitreißen konnte. Vollkommen überrascht von dieser Performance und auch leicht durchgeschwitzt machten wie es uns weiterhin im Intro Zelt bequem und warteten auf die nächste Band.
Foster the People sorgten vor allem bei ihren weiblichen Fans schon für Stürme der Begeisterung. Leider gab es technische Probleme beim Soundcheck und somit verzögerte sich der Konzertbeginn um eine halbe Stunde. Da ich schon im Pressegraben saß und wartete, bis es endlich los geht, hab ich komplett vergessen, dass Nicolas Jaar schon parallel spielte. Ich hab ihn also leider komplett verpennt… Schande über mein Haupt! Mittlerweile auch komplett allein unterwegs hörte ich The Naked and Famous auch nur aus der Ferne. Aber ich hab mir von meinen Kollegen sagen lassen, dass der Auftritt spitze gewesen sein soll. Kein Vergleich zu dem lahmen Haufen bei Rock im Park. Dann spielten Foster the People auch ihre ersten Akkorde. Weil mein Zeitplan aber sowieso schon total durcheinander war, beschränkte ich dieses Konzert aufs Bilder machen und rannte nach nur zwei (wirklich guten Liedern) direkt zu FM Belfast.
Ich hechtete durch die Menschenmasse, hörte den ersten Song schon aus der Ferne spielen und sprang in der Hektik einfach auf der falschen Seite der Absperrung in den Pressegraben. Pünktlich wie die Mauerer kam ich also an, musste mir aber einen kleinen Anschiss von der Security abholen. Aber alles halb so wild, denn diese Show entschädigte für alles. Das Publikum war komplett am Ausrasten und feierte alles, was die Jungs und Mädels aus Reykjavik servierten. Dazu gehörten natürlich die absoluten Hymnen wie Par Avion, Underwear und auch das Rage Against the Machine Cover Lotus. Die Show artete wie erwartet schon fast in trashige aus. Spätestens als dann auch noch Welcome to the Jungle neu interpretiert wurde, verfestigte sich dieser Eindruck. Sympatisch und ausgelassen hüpfte sowohl Band als auch Publikum auf und ab und sorgten für einen Auftritt mit einem Platz in der „Best of my Life“- Kategorie. Wirklich live war hier bis auf den Gesang zwar nichts, aber das störte wohl Niemanden.
Die Anderen hatte ich zwischenzeitlich auch wieder gefunden. Wir brauchten nun etwas Ruhe und gingen wenige 100 Schritte Richtung Mainstage, um es uns auf der Tribüne gemütlich zu machen. The Drums waren gerade voll dabei und brachten Hits, wie Let‘s go Surfing, spielten aber auch neue Lieder. Da ich vorher relativ wenig Gutes über die live Qualität diese Band gehört hatte, lag die Messlatte nicht hoch. Es war dann aber trotzdem viel besser als erwartet. Auf CD gefallen mir die Jungs trotzdem besser… Da ist definitiv noch Luft nach oben!
Wenig Luft nach oben lässt der nächste Auftritt. Robyn enterte die Mainstage und stellte gleichzeitig den Headliner des Abends dar. Spätestens seit ihrer Body Talk Trilogie aus dem Jahr 2010 dürfte sie endgültig in den Pop Olymp aufgestiegen sein. Ich freute mich jedenfalls riesig auf ihren Auftritt. Einem Großteil der anderen Festivalbesucher ging es wohl auch so, denn die Bühne war brechend voll. Als dann mit Fembot gleich einer meiner Lieblingssongs zum Auftakt kam, gab es kein Halten mehr. Musikalisch war der Auftritt eher untere Liga. Ich stecke ihn mal in die Kategorie „Mini Playback Show“ aber Hey, total egal! Das ist ja schließlich Popmusik at it’s Best! Da darf man sampeln und schlecht Playback singen was das Zeug hält. Hauptsache die Show stimmt und das hat sie definitiv getan. Dancing On My Own hatte gigantische stimmliche Unterstützung vom Publikum und blieb mir besonders positiv in Erinnerung.
Langsam schwanden die Kräfte, aber ein Ende des Abends war noch nicht in Sicht. Vorher sollte mit Noze noch ein alter Bekannter auf der Gemini Stage für Stimmung sorgen. Wir haben den sympathischen Franzosen bereits öfters live gesehen. Aber der anstehende Auftritt versprach ein besonderer zu werden. Es sollte nämlich mit Unterstützung einer Band gespielt werden. Ich nahm also wieder meinen Platz im Pressegraben ein und musste kurze Zeit später feststellen, dass hier etwas nicht stimmt. Das gesamte Monitoring auf der Bühne war ausgefallen. Der arme Nicolas wurde von seinen Bandkollegen allein auf der Bühne im Stich gelassen und versuchte die Lage zu retten. Hinter den Kulissen herrschte emsiges Treiben der Techniker. Auf der Bühne wurde ein kleiner Loop des ersten Songs laufen gelassen, um das mittlerweile pfeifende Publikum etwas in Zaum zu halten. Ich glaube, ich hab selten jemanden so gestresst gesehen! In diesen knapp 25 Minuten Angst, hat der arme Nicolas wohl fast alle seine Zigaretten geraucht und sich mit einer Flasche Sekt beruhigen müssen. Als es dann endlich los ging, waren viele Leute bereits wieder gegangen, bzw. leicht genervt. Somit war die Stimmung weit unter dem Niveau, als sie eigentlich hätte sein müssen. Viel mehr kann ich auch wieder nicht sagen, denn mein Zeitplan war erneut durcheinander. Also musste ich schnell zurück ins Intro Zelt, denn die Crystal Fighters sollten gleich ihren Auftritt beginnen.
Rein optisch machten die Fighters einiges her! Und auch die Songs versprachen live eine ganz schöne Wucht zu werden. Wieder wurden keine Wünsche offen gelassen und das Konzert startete bereits mit einem gewaltigen Kracher. Solar System ging kompromisslos nach vorne und brachte das Publikum zum schwitzen. Natürlich durfte auch der Eskalationshit I Love London in der Setlist nicht fehlen. Mir wurde die ganze Sache aber dann irgendwann zu anstrengend. Ich war ja schließlich schon lange auf den Beinen und konnte diese auch kaum noch spüren. Also beschlossen wir einen Haken an Tag eins zu machen. Fast alles, was wir sehen wollten, haben wir auch gesehen. Also zurück zum Camp gewankt und dann noch ordentlich bis weit nach Sonnenaufgang den Sack zu gemacht.
Überraschend fit stand ich halb 10 auch schon wieder auf der Matte. Nichts tat weh, nur Durst war in rauen Mengen vorhanden. Also wurde direkt nach der erfrischenden Dusche da angefangen, wo bei Sonnenaufgang aufgehört wurde. Nachdem auch der obligatorische Mittagssnack vom Grill eingenommen war, ging es dann erstmals ab zum Sleepless Floor.
No Regular Play von der Wolf+Lamb Bande waren gerade fleißig am Werk und begeisterten die Feierwilligen bei strahlendem Sonnenschein mit ihrer ganz eigenen Interpretation von Techno und House. Genau so stellt man sich einen Nachmittag mit Freunden vor. Wie im Jahr zuvor, konnte der Sleepless Floor zu 100% begeistern. Aber es kam die Zeit, da wollte ich auch mal ans Arbeiten denken. Also machte ich mich auf die Socken in Richtung Pressezentrum um ein Paar Bilder und Textschnipsel online zu stellen. Aber Pustekuchen! Das Internet war gerade hoffnungslos down… So viel zum Thema Arbeit. Dann also wieder zurück zum Camp und etwas Mut antrinken für das, was noch kommen sollte.
Um 20 Uhr standen wir dann wieder pünktlich zu The Hundred in the Hands in Reihe eins und wurden vom Duo aus Brooklyn bezaubert. Alle guten Songs des aktuellen Albums wurden zelebriert. Der Sound war großartig. Mehr gibt es da nicht zu sagen. Wirklich solider Auftritt.
Danach statteten wir dem Big Wheel den ersten Besuch des Wochenendes ab. Redshape stellte sein neues Live Projekt Palisade vor und im Anschluss daran versprach Ame ordentlich Stimmung zu machen. Wir tanzten uns also mit allerhand netter Menschen in den Sonnenuntergang und genossen die grandiose Location. Danach klinkte ich mich vorerst aus dem ganzen Trubel aus und bestieg den Bench Bagger, um etwas zu quatschen und ein paar Getränke zu mir zu nehmen. Natürlich sind auch ein paar Fotos der atemberaubenden Kulisse entstanden. Von oben sieht das Melt! schon sehr beeindruckend aus. Unter mir hörte ich die Hits der Streets, die zu diesem Zeitpunkt gerade ihre letzte Deutschland Show performten.
Aber irgendwann zog es mich dann doch wieder zum Partyvolk nach unten. Im Intro Zelt bereiteten sich Pioniere der elektronischen Musik auf ihren Auftritt vor. Ich freute mich bereits sehr, DAF einmal live zu erleben. Es hat schon etwas mystisches eine Band zu hören, die bereits die Jugend deiner Eltern beeinflusst hat. Die Energie, die von der Bühne ausging, steckte das Publikum voll an. Über 30 Jahre alte Stücke wie Tanz den Mussolini wurden von den Leuten geradezu verschlungen.
Danach war wieder ganz kurz Pause angesagt bevor es dann in die letzte Runde für diesen Samstag ging. Also setzte ich mich gemütlich auf die Tribüne der Mainstage und hörte den Editors zu. Eigentlich bin ich ja ein Fan dieser Band aber irgendwie kam ihr Auftritt etwas lieblos daher. Eventuell lag es ja auch nur daran, weil ich schon recht ausgepowert war. Leider spielte dann Totally Enormous Extinct Dinosaurs zeitgleich mit den Crystal Castles. Also mussten wir uns entscheiden und da mich Teed bereits vor zwei Wochen in Nürnberg überzeugen konnte, fiel die Wahl auf ihn. Auch hier gilt das Gleiche wie bisher beim Auftritt aller Künstler: Durchweg gut, super Stimmung, riesen Spaß! Und als ob das alles noch nicht genug wäre, statten wir der Bühne am Desperados Beach noch einen Besuch ab, wo Modeselektor gerade einen Track seines Kollegen Apparat zum Besten gab. Schnell zog es uns aber weiter zu Total Confusion und dort ließen wir dann auch den Abend/Morgen ausklingen. Wann genau ich dann endgültig im Zelt lag, bleibt wohl für immer offen…
Der letzte Tag sollte nicht ganz so anstrengend werden wie die zwei zuvor. In guter alter Tradition enterten wir am frühen Nachmittag den Sleepless Floor und verweilten dort auch recht lange. Ich stattete dann dem Pressezentrum noch einen Besuch ab und konnte tatsächlich sage und schreibe 9 Bilder hochladen… Klasse Leistung! Als ich dann die Intro Kneipe verlies, stand ich auf einmal im Regen. Was für ein Scheiß, dachte ich mir. Also fix Regencape gekauft und zum Zelt zurück. Es sollte nun bis spät in die Nacht hinein nicht mehr aufhören mit regnen.
Das hielt uns aber nicht davon ab die Cold War Kids anzuschauen. Das Publikum scheint es generell recht wenig gestört zu haben. Die Stimmung war weiterhin prächtig. Wieder gab es böse Überschneidungen im Zeitplan. Deshalb war nach knapp der Hälfte bei den Cold War Kids Schluss. Die Bag Raiders standen auf dem Plan. Dieses Konzert war eigentlich das Highlight meines Sonntags. Aber ich muss gestehen: Ich fand es langweilig. Wirklich live scheint hier bis auf den Gesang fast nichts gewesen zu sein. Die zwei Überkracher Shooting Stars und Way back Home hielten aber was sie versprachen. Kein schlechter Auftritt, aber nichts was in Erinnerung bleibt.
Zu dieser Zeit war der Regen so heftig, dass ich den trockenen Pavillon Ben Klock vorzog. Aber lange hielt es mich dann doch nicht am Camp. Ich wollte einfach die letzten Stunden Melt! genießen. Also zog ich mich warm an, schlüpfte in die Gummistiefel und ging zurück zum Gelände. Bodi Bill spielten gerade. Aber auf Grund der Tatsache, dass sie im Zelt spielten, war dieses natürlich bei Regen gnadenlos überfüllt. Der Sound kam mir auch etwas leise vor, also suchte ich nach drei Liedern wieder das Weite, denn ich wollte unbedingt Marcel Dettmann hören. Noch immer regnete es in Strömen. Aber das machte nunmehr gar nichts aus. Ich genoss einfach den extrem energetischen Berghain Techno, tanzte im Schlamm und genoss das sich im Regen brechende Laserlicht. War auf jeden Fall ein super Erlebnis!
Meine letzte Amtshandlung des Jahres sollte ein Absacker-Bier im VIP Bereich werden. Hier war die Party auch im vollen Gange. Getrunken wurde Einiges. Lag wohl auch daran, weil der Bereich überdacht ist und VIPs natürlich viel zu fein sind, um nass zu werden. Als dann langsam die Müdigkeit einsetzte, machte ich mich wieder auf den Weg zum Camp. Ich blieb jedoch bei Pulp hängen, die genau in diesem Moment ihren Hit Disco 2000 zum Besten gaben. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Wenig später reichte es aber endgültig und ich verließ das Gelände. Natürlich blieb ich wie jedes Mal noch auf dem Sleepless Floor hängen, wo gerade Chaim seine letzten Platten drehte und Skinnerbox bereits in den Startlöchern standen. Mittlerweile hatte es sogar aufgehört zu regnen. Aber es ging einfach nichts mehr. Ich musste einfach schlafen und das tat ich dann auch.
Das war also mein persönliches Melt! Erlebnis 2011. Man kann es zusammenfassend einfach als überragend bezeichnen. Das beste Festival in Deutschland, wohl auch eines der besten in Europa hat mir mein Herz bereits zum dritten Mal geschmolzen.
Danke Melt!
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