Samstag
Leider war an Schlaf nicht wirklich zu denken. Scheinbar waren nicht alle so müde wie ich und so beschlossen einige Kollegen, ihre Party direkt vor meinen Zelteingang zu verlegen und den Ghettoblaster extra in meine Richtung schallen zu lassen. Vom Safety Dance über Hauptschule bis Alexander Marcus war alles dabei was Rang und Namen hat. Mit Tempotaschentüchern in den Ohren quälte ich mich durch den Morgen. Erst die erfrischende Dusche hauchte mir neues Leben ein. Natürlich war auch das erste Dosenbier schnell geöffnet und der Nachmittag kam mit großen Schritten näher. Die Sonne brannte erneut erbarmungslos vom Himmel auf uns herab.
Gleich zum Auftakt gab es einen Haufen gute Laune und Herumgehüpfe bei Bombay Bicycle Club vor der Green Stage. Wir waren natürlich ganz vorne mit dabei und verbrannten uns gehörig Stirn und Nase. Da half nicht einmal mehr das gute Calippo Cola Eis.
Von der Sonne ordentlich gebraten, verzog ich mich ins nächste Zelt zu We Invented Paris. Irgendwie kann ich mich an deren Konzert fast nicht mehr erinnern, bin mir aber sicher dort gewesen zu sein. Also scheint es nicht wirklich wichtig und gut gewesen zu sein. Sicher ist, dass ich danach schon eine Pause am Zeltplatz brauchte um mich für Kraftklub vorzubereiten. Die spielten ebenfalls im Zelt, was meiner Meinung nach eine vollkommene Fehlplanung war. Denn das Zelt war ruck zuck wegen Überfüllung gesperrt und ebenso viele Menschen wie drinnen standen, warteten auch draußen und sahen sich das Konzert auf der Leinwand an. Wir haben es rein geschafft, wenn auch nicht sonderlich weit vor. Die Temperaturen waren schlicht und ergreifend mörderisch. Der Schweiß tropfte, das Publikum gab alles. Hinten war der Sound zwar ziemlich dürftig aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. Schon irgendwie ein befremdliches Gefühl, wenn tausende von Menschen aus voller Kehle singen, dass sie aus Karl Marx Stadt kommen. Dabei wissen die meisten doch sicher nicht einmal wo das liegt. Aber egal, heute sind wir alle Eins und feiern zusammen, grölen Parolen, betrauern die große Liebe und verteufeln die Hauptstadt. Spaß hat’s auf jeden Fall gemacht. Für Klaustrophobiker war das aber absolut nichts.

Ein dickes Fell braucht man auch für K.I.Z. Die hab ich bereits mehrmals auf Solokonzerten besucht, aber noch nie auf einem Festival. Doch dieses Mal lag die Playtime günstig und so kam ich eigentlich gar nicht drum herum. Wirklich viel fällt mir dazu auch gar nicht ein. Die Show ist seit vielen Monaten die gleiche. Hurensohn wird zur deutschen Nationalhymne, alle Menschen sind Spasten und das Haus in Neuruppin jagt immer noch Angst und Schrecken ein. Kleines Sahnehäubchen war der Gastauftritt von Bela B im Song Hölle.
Nach kurzem Verschnaufen ging es weiter zu The Shins. Auf die freute ich mich auch schon sehr. Sie sind ja nicht umsonst everybodys Lieblingsband und trotzdem maßlos unterschätzt. Gleich zu Beginn gaben sie auch gleich Caring is Creepy und Simple Song zum Besten. Danach verlief die Spannungskurve etwas zu stagnierend. Darum beschloss ich gegen meinen ursprünglichen Plan The XX doch von Beginn an zu sehen. Und diese Entscheidung war auf jeden Fall goldrichtig! Gänsehautstimmung von Anfang bis Ende. Noch dazu einige neue Songs vom kommenden Album, ein Jill Scott Heron Cover und die unvergesslichen Stimmen von Romy und Oliver. Die ölten zwischen den Songs ihre Kehle ganz stilecht mit einem Glas Rotwein, während Jamie XX den Subbass durchs Publikum pflügen ließ. Dafür gibt’s auch ein ausdrückliches Lob an die PA Verantwortlichen. Besser hätte es nicht klingen können. Nur etwas dunkler wäre gut gewesen, denn The XX büßen schon einiges an Atmosphäre ein, wenn die Sonne noch am Himmel steht. Aber das war jetzt Kritik auf extrem hohem Niveau.
Wer an der nächsten Band Kritik übt, der gehört eigentlich gleich mit einem Betonklotz am Fuß im nächsten Fluss versenkt. Wir verharrten auf unseren guten Plätzen und warteten auf The Cure. Die sollten eigentlich das Highlight des Wochenendes werden. Ganz haben sie das nicht geschafft, weil der Freitag so überragend gut war. Aber den Tagessieg konnten sie trotzdem einfahren. Scheinbar sahen das aber nicht alle Zuschauer so, denn einige verließen gelangweilt die Bühne oder setzten sich auf den Boden. Ich war von Anfang an voll dabei und genoss jeden Song, auch wenn die zwei bekanntesten, Friday I’m In Love und Boys Don’t Cry nicht dabei waren. Aber The Cure haben ja genug andere Hits, die diesen Umstand leicht vergessen machen. Ich hatte auch wieder einen meiner Magic Moments. Ich glaube es war beim Song The Caterpillar. Absoluter Rekord: schon das dritte Mal an einem Wochenende!
Aber das sollte nicht der letzte außergewöhnliche Moment dieses Abends werden, denn die nächsten Urgesteine der elektronischen Musik und Helden meiner andauernden Jugend waren als Nächstes an der Reihe. Die Rede ist natürlich von New Order. Mit grauem Haupt und ordentlich Spielfreude, jagten sie fast vergessene Synthi Töne aus den Boxen. Den Leuten gefiel es, denn die tanzten was das Zeug hielt. Der Platz dazu war auch vorhanden, was mich etwas wunderte. Und dann war er auch schon da, der eben angekündigte Moment, in dem sich ein Lebenstraum erfüllte. New Order spielen Love Will Tear Us Apart von Joy Division. Im völligen Glückstaumel zogen die nächsten Minuten wie in Trance an mir vorbei. Ein Wunder, dass ich sogar noch ein kleines Video gemacht habe.
So ging er dann auch schon fast vorbei, der zweite Tag auf dem Southside Festival 2012. Nicht zu erwähnen brauche ich wahrscheinlich, dass am Zeltplatz noch ordentlich zu trashiger Musik gefeiert wurde bis die Sonne schon wieder aufging.
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